Augenhöhe

Warum es besser ist, mit Ratschlägen vorsichtig zu sein

Augenhöhe

Es tut mir nicht gut, wenn mir jemand anders sagt, was richtig für mich ist. Auch wenn es gut gemeint ist. Da merke ich sofort eine innere Abwehr, auch bei grundsätzlich erwägenswerten Ratschlägen. Warum ist das so?

Es ist eine Frage der Augenhöhe, denke ich. Wenn jemand anders meint, er weiß besser als ich selbst, was gut für mich ist, fühle ich mich nicht als gleichwertig behandelt, meine Grenzen werden verletzt. Ich möchte meine Entscheidungen selber treffen und von meiner Umgebung das Vertrauen, dass ich dazu in der Lage bin.

Die meisten Menschen neigen dazu, ihren Mitmenschen Ratschläge zu erteilen. Dahinter steht oft die gute Absicht, dem Gegenüber eine Lösung für sein oder ihr Problem anbieten zu wollen. Doch wenn dadurch beim Anderen dabei das Gefühl aufkommt, bevormundet zu werden, ist niemandem geholfen.

Wie kann ich den Wunsch, helfen zu wollen, zum Ausdruck zu bringen und dabei die gleiche Augenhöhe wahren?

Das Beste ist, ich frage, ob mein Rat erwünscht ist. Dann gebe ich die Verantwortung an mein Gegenüber zurück und weiß bei einem Ja, dass mein Rat auch wirklich gewollt ist. Idealerweise erzähle ich von meinen Erfahrungen in diesem Zusammenhang und was mir geholfen hat, dann nehme ich dem Ganzen die Aufforderung, das gleiche zu tun.

Und wenn ich selber einen ungebetenen Rat erhalte, der mir ein schlechtes Gefühl vermittelt, macht es Sinn, das meinem Gesprächspartner mitzuteilen. Das kann zu Irritationen führen, doch ein guter Kontakt hält das aus. Und wenn er es nicht aushält – ist es dann ein guter Kontakt für mich?

In diesem Zusammenhang finde ich den Artikel Vom Entwickeln und Verändern von Carolin vom Blog seisofrei-lebenskunst.de spannend. Sie hat über die eigene Weiterentwicklung geschrieben und warum es nicht sinnvoll ist, andere dazu bewegen zu wollen, sich zu verändern.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Renate Hagenlocher-Closius

    Ich kann ein Lied davon singen, was es bedeutet, unerwünschte Ratschläge zu empfangen. In Zeiten, in denen ich ins Schwimmen geraten war, haben sie mich verletzt, verunsichert, bisweilen gedemütigt. “Jetzt mach doch endlich”, “du musst dir einfach einen Ruck geben”, “das darfst du einfach nicht tun” oder “du musst das und das tun” – solche Aussagen sind nicht hilfreich, wenn man selbst sich wie gelähmt vorkommt. Erst im Laufe der Zeit – ich bin jetzt 72 Jahre alt – habe ich erkannt, dass solche “Ratschläge” mit Machtausübung zu tun haben und das Gegenteil bewirken, was sie vorgeben zu sein. Ich hoffe, ich habe mich anderen gegenüber nicht ebenso verhalten, bezweifle es aber.
    Vielleicht ist es eine der wenigen positiven Aspekte der derzeitigen “Krise”, dass wir uns gegen “Verformungen” von außen (denn nichts anderes stellen ungebetene Ratschläge dar) wehren können: Wir brauchen uns nicht an das Diktat eines bestimmten Menschenbilds zu halten, wir können wir selbst sein. Kein Mensch kann uns vorschreiben, wer wir zu sein haben. Alles ist im Fluss derzeit, die Gesellschaft wird sich wandeln, wir sind als Menschen in unserer Menschlichkeit mehr denn je aufeinander angewiesen. In einer solch existenziellen Krise, wie wir sie derzeit durchleben, sind starre Normen nicht gefragt. Sich ihnen anzugleichen, diese Forderung beinhaltet jeder nicht erwünschte Ratschlag. Menschlichkeit statt starrer Normen, Augenhöhe statt eines Diktats von oben.

    1. Liebe Renate,
      vielen Dank für deine Gedanken dazu.
      Ich denke, ein Austausch, um sich gegenseitig zu helfen, darf gerne sein.
      Die Frage ist, mit welcher Haltung gehe ich da ran: ist meine Haltung “ich weiß es besser als du!”, so wie du es beschreibst? Oder möchte ich meine Erfahrungen teilen, und helfen, eine Lösung für ein Problem zu finden? Durch einen aufmerksamen Umgang miteinander kann Letzteres sehr gewinnbringend sein. Mit diesem Blogbeitrag möchte ich dabei unterstützen, die eigene Haltung zu erkennen und die Gedanken auf gleicher Augenhöhe zu übermitteln.

      Und als “Empfänger/in” darf ich selbst entscheiden, nur das anzunehmen, was mir gut tut und mich weiterbringt. Das zu erkennen ist ein großer Schritt und ich freue mich, wenn die Krise dabei hilft, dorthin zu kommen.

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